17.06.2026

Ein Gespräch über Würde und Begleitung - Zwei Personen aus dem Alltag im Interview

Interview im Jahresbericht 2025 Gesundheitsdepartement Basel-Stadt

Palliative Care im Kanton Basel-Stadt bietet ganzheitliche Betreuung für schwerkranke Menschen, verbessert Lebensqualität, koordiniert medizinische und soziale Dienste und unterstützt Angehörige. Herr Prof. Dr. Gärtner (Chefarzt Palliativzentrum, Facharzt für Anästhesie, Palliativmedizin, spez. Schmerztherapie, Bethesda Spital) und Frau Paulicke (Heimleiterin, Alters- und Pflegeheim Johanniter) geben Einblicke in ihre bisherigen Erfahrungen als Fachexperten.


Herr Prof. Dr. Gärtner, Frau Paulicke, welche Besonderheiten und Dienstleistungen bietet Ihre Institution im Rahmen der Palliative Care an?


JG: Das Palliativzentrum Bethesda ist das grösste Zentrum der Nordwestschweiz. Es umfasst neben der Palliativstation auch die ärztliche Home Care Teams (MPCT). Ergänzend bieten wir ambulante und aufsuchende psychotherapeutische Begleitung sowie als einziges Zentrum eine Psychedelika-assistierte Therapie für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten an. Darüber hinaus engagieren wir uns in Forschung und Lehre und sind an nationalen und internationalen Projekten beteiligt. Dank Unterstützung des Kantons bieten wir die Anlauf- und Beratungsstelle (Palliativ-Info Basel) als niederschwelliges Informationsangebot für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen an.


CP: Unsere Institution legt grossen Wert darauf, Menschen in der letzten Lebensphase ganzheitlich und würdevoll zu begleiten. Ein erfahrenes interdisziplinäres Team betreut medizinisch, pflegerisch sowie psychosozial und spirituell. Individuelle Symptomlinderung und massgeschneiderte Pläne sichern Lebensqualität. Angehörige erhalten Beratung und Unterstützung. Selbstbestimmung und Würde stehen im Mittelpunkt. Ruhige Räume schaffen Geborgenheit und ermöglichen eine respektvolle Begleitung bis zuletzt für alle Betroffenen gleichermassen.


Wie stellen Sie sicher, dass die Lebensqualität und die individuellen Wünsche der Betroffenen im Zentrum stehen?


JG: Wir haben eine sehr multiprofessionelle, offene und auch strukturierte Erfassung der Belastungen und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten. Diese sind uns wichtiger als bestimmte Laborwerte oder andere Befunde. Vor allem aber nehmen wir uns Zeit. Eine Visite wird niemals im Stehen abgehalten, sondern wir setzen uns zu den Erkrankten. Manchmal schweigen wir auch gemeinsam. Aus der Stille heraus kommen oft diejenigen Themen, welche sie wirklich umtreiben. Manchmal brauchen die Betroffenen diese Zeit und den Mut, sie zu äussern.


CP: Wir verfolgen einen konsequent personenzentrierten Ansatz, bei dem Lebensqualität und individuelle Wünsche im Mittelpunkt stehen. In ausführlichen Gesprächen klären wir Bedürfnisse, Werte und Ziele. Advance Care Planning schafft klare Orientierung.
Regelmässige Fallbesprechungen und Evaluationen ermöglichen Anpassungen. Selbstbestimmung wird gefördert, Angehörige einbezogen. So steht stets der Mensch im Fokus und wird respektvoll begleitet.


Welchen Stellenwert hat das Mobile Palliative Care-Team (MPCT) für Ihre Institution?


JG: Ohne das MPCT könnten viele schwer erkrankte Menschen nicht in ihrer gewohnten Umgebung leben. Das MPCT ist häufig der Schlüsselfaktor zu einem Leben in den eigenen vier Wänden bis zuletzt. Oft ist aber allein das Wissen darum schon eine grosse Beruhigung und ein Schatz für Patientinnen und ihre Familien.


CP: Das MPCT ist ein Bestandteil unserer Versorgung. Durch aufsuchende Unterstützung in vertrauter Umgebung stärkt es die Sicherheit und Lebensqualität der Bewohnenden.
Zudem berät es unsere Pflegefachpersonen, unterstützt sie bei komplexen Situationen und koordiniert die Zusammenarbeit


Wie erleben Sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Palliative Care im Kanton Basel-Stadt?


JG: Interdisziplinarität bedeutet die Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen. Diese haben wir in unserem Ärztinnenteam mit Innerer Medizin, Neurologie, Strahlentherapie, Schmerzmedizin und weiteren. Aber genauso wichtig ist die sehr gute Zusammenarbeit mit den Fachdisziplinen an anderen Standorten. Hier denke ich vor allem an die Hausärztinnen, die onkologischen Zentren im Universitätsspital Basel und Kantonsspital Baselland sowie die Altersmedizin im Felix-Platter Spital.


CP: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Palliative Care im Kanton Basel-Stadt ist gut strukturiert, stark vernetzt und konzeptionell gut entwickelt. Sie bleibt jedoch in der praktischen Umsetzung teilweise hinter ihren Ansprüchen zurück.


Oftmals spielen Angehörige eine bedeutende Rolle im Begleitungsprozess von Patientinnen und Patienten in der Palliative Care. Wie erleben Sie und Ihr Team die Zusammenarbeit?


JG: Angehörige sind oft eine wichtige Ressource für die Patientinnen, kommen in dieser Rolle aber auch oft an ihre Grenzen. Sie können neben den ärztlichen Gesprächen auch an den Angeboten der Musik- und Psychotherapie sowie Spiritual Care teilhaben. Sollten die Patientinnen versterben, kommen Angehörige oft zu unseren Gedenkfeiern und bei Bedarf auch in unsere ambulante Psychotherapie.


CP: Die Zusammenarbeit mit An- und Zugehörigen ist wertvoll und vielschichtig. Sie liefern wichtige Einblicke und unterstützen eine individuelle Betreuung. Gleichzeitig sind sie oft stark belastet, weshalb wir sie auch aktiv begleiten. Offene Kommunikation, Einbezug in Entscheidungen und gegenseitiger Respekt prägen die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem gemeinsamen Ziel einer würdevollen Begleitung.


Wie sieht die ideale Palliativversorgung der Zukunft in Ihren Augen aus?


JG: Paradoxerweise hat ausgerechnet die Region Basel keine Hospizstrukturen. Dies, obwohl eine solche, maximal relevante Struktur gerade in unserer urbanen Region besonders einfach zu realisieren wäre. Wir als Palliativzentrum stehen aber bereit, diese Lücke zu schliessen. Nach neun Jahren intensiver Arbeit habe ich aber mittlerweile das Gefühl, mein diesbezüglicher Herzenswunsch in den nächsten Jahren in Erfüllung gehen könnte.


CP: Die Palliativversorgung der Zukunft ist konsequent am Menschen orientiert, flexibel und für alle zugänglich. Individuelle Bedürfnisse stehen im Zentrum, unterstützt durch ein frühzeitiges Advance Care Planning.
Eine enge, digital vernetzte Zusammenarbeit aller Versorgungsbereiche sichert Kontinuität. Mobile Dienste, Telemedizin und Betreuung zu Hause gewinnen an Bedeutung. Palliative Care beginnt frühzeitig und begleitet parallel zu Therapien. Angehörige werden stärker unterstützt, interprofessionelle Zusammenarbeit gestärkt und ein offener Umgang mit Sterben gefördert – für eine würdevolle, selbstbestimmte Begleitung bis zuletzt.
Nicht zuletzt ist eine umfassende Finanzierung der palliativen Betreuung auf allen Ebenen die Grundlage für eine gesicherte und umfassende Versorgung.

Christine Paulicke

Heimleiterin

Weitere News

von Petra Wunderle 17. Juni 2026
"Nimms in die Hand"
von Petra Wunderle 8. Juni 2026
Neue Cafeteria